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16.04.2021     Lena Wostal

Ja zur Digitalisierung – aber wie damit anfangen? Der Österreichische Städtebund, ein Trendforscher, Magenta Telekom und der Bürgermeister von Villach teilten im Smart City Webinar „Der Weg zur digitalen Stadt“ ihre Perspektiven und Erfahrungen. Lesen Sie hier viele konkrete Tipps aus der Praxis.

Digitales Know-how nutzen und austauschen

Einleitend hob Thomas Weninger, Generalsekretär des Österreichischen Städtebund, die Leistungen der Städte und Gemeinden im abgelaufenen Jahr hervor: Viele Aufgaben von Kindergarten bis Müllabfuhr sind nicht im Home-Office zu erledigen und haben auch während der Pandemie bestens funktioniert. Dazu haben Prozesse wie digitale Terminvereinbarung für Bürger oder digitale Gemeinderatssitzungen beigetragen, die es zum Teil schon vorher gab. Vieles werde digital bleiben, dennoch muss der persönliche Austausch weiter stattfinden können.

Eine große Herausforderung sah Weninger im Spannungsfeld von Digitalisierung und Datenschutz, etwa wenn verkehrsberuhigte Zonen digital überwacht werden sollen. Hier spielen Bund und Länder als Gesetzgeber hinein und seitens der Kommunen wünsche man sich, frühzeitig eingebunden zu werden. Zur Rolle des Österreichischen Städtebunds meinte Weninger: „Wir fördern den Erfahrungsaustausch auch innerhalb von Europa, denn das Rad soll nicht überall neu erfunden werden. Bei der Weichenstellung für Digitalisierung und Big Data wollen wir dabei sein, weil diese Technologien wirtschaftliches und gesellschaftliches Leben weiterentwickeln.“

Leitfaden Digitalisierungsstrategie

Im ersten Halbjahr 2021 wird der Städtebund den Leitfaden zur Erstellung einer kommunalen Digitalisierungsstrategie veröffentlichen, in den auch Erkenntnisse aus der Pandemie einfließen. Dabei gilt es zu unterscheiden zwischen der digitalen Stadt (das ist die Kommune in ihrer komplexen Gesamtheit betrachtet) und der digitalen Stadtverwaltung (das sind E-Government Services und die innere Organisationsstruktur).

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Ronald Sallmann, von Städtebund und IT-Kommunal, gab einen ersten Einblick in die Inhalte des Leitfadens: „Bei der digitalen Stadt geht es um das Ziel, Komplexität zu reduzieren und zu strukturieren. Dazu haben wir 12 Handlungsfelder festgelegt, abgeleitet aus der Digital Roadmap sind das u.a. Bildung, Integration oder Verkehr. Zusätzlich gibt es 3 Themengebiete, das sind Smart City mit Boden und Luft, Smart Citizens um Bürger zu befähigen, sowie nutzerzentrierte Smart Services. So entsteht ein Raster aus Handlungsfeldern und Themengebieten.“

4-Schichten Modell

Ein wichtiges Struktur-Werkzeug aus dem Leitfaden ist das Smart City Schichtenmodell:

  • Der Luft-Layer liefert Public WLAN, 5G/4G Netze, dazu gehören auch Drohneneinsatz oder Videoüberwachung.
  • Der Daten-Layer ist eine neue Schicht. Mit Big Data, Open Data, Sensor- oder Videodaten werden bereichsübergreifende Prozesse möglich.
  • Der Boden-Layer beinhaltet die Verkehrsnetze, dazu gehören alle Mobilitätsthemen, sowie Verkehrsmanagement, Winterdienst und autonomes Fahren. Teil davon sind auch Abfallmanagement und Umweltthemen im Kontext von IoT, wie Grünflächenbewirtschaftung.
  • Der Untergrund-Layer umfasst alle Formen von Netzen zur Ver- und Entsorgung der Stadt, wie Wasser, Gas, Strom, Breitband.

Mit den Tools können Gemeinden einen digitalen Stadtplan und ein Strategiekonzept erstellen, führte Sallmann aus: „Es beginnt mit der Bestandsaufnahme: Was gibt es schon an Projekten oder Lösungen und welche Entwicklungsschwerpunkte gibt es. Dann kann man diese zu den Handlungsfeldern und Themengebieten zuordnen. So werden weiße Felder identifiziert, digitale Maßnahmen definiert und eine Reihung vorgenommen – im Leitfaden gibt es Tipps zur Gewichtung, denn alles auf einmal, das geht nicht“.

Warum sind smarte Städte und smarte Bürger wichtig?

Dieser Frage widmete sich Andreas Reiter vom ZTB Zukunftsbüro: „Wir sprechen alle über Covid19 und das ist ein Verstärker der Digitalisierung. Aber der Klimaschutz ist auch wichtig und der ist ohne smarte Technologie nicht denkbar.“ Die digitale Transformation verändere das Gewebe der Stadt, zog Reiter einen Vergleich zum 4-Schichtenmodell und vieles davon sehen wir gar nicht.

Der Trend gehe zu Blended Living, das ist ein überlappender Lebensmodus. Dazu zählt z.B.:

  • Der Wechsel zwischen Büro und Home-Office (Hybrider Arbeitsplatz), der etwa 10% der Büroflächen verschwinden lassen wird.
  • Analoges und virtuelles überlappen sich: Wenn man etwa den WienBot nach der nächsten Stelle für eine Zeckenimpfung oder einen Coronatest fragt und gleichzeitig dabei durch die Stadt dorthin geht.
  • Bricks and Clicks: der Begriff kommt aus dem Handel, wo Unternehmen sowohl mit Geschäften als auch mit Online Shops präsent sind.
  • Arbeit und Freizeit überlappen sich immer mehr.

Es geht nicht um Technologie, sondern um Lebensqualität mit 4B

Reiter betonte, dass Technologien wie 5G nie Selbstzweck sein dürfen, sondern es gehe darum, die Lebensqualität der Bürger zu erhöhen und die Resilienz in Krisen zu stärken. Jede Stadt müsse ihr eigenes Rezept finden, wobei an vier Stellschrauben für die Smart City gedreht werden kann: Ressourcen, E-Government, Economy und Partizipation.

Speziell die Partizipation könne bewirken, dass Bedenken oder Ängste gegenüber der Digitalisierung ausgeräumt werden, sagte Reiter: „Zentral ist, dass gutes Leben in der Stadt kleinteilig ist, das heißt durchmischen statt Silodenken. Die Digitalisierung stärkt lokales Kleinteiliges, etwa mit einem digitalen Marktplatz für den Einzelhandel vor Ort. Menschen wollen ihre Nachbarschaft gestalten, hier geht es um das Ermöglichen von Bürgerbeteiligungsprojekten, so hat man in Amsterdam Nahversorgungskonzepte mit Lastenrädern entwickelt.“

Die Formel für mehr Lebensqualität heißt für Reiter 4B: Bürger, Betriebe, Behörden, Besucher. Sie sollen sich vernetzen und gemeinsam die Stadt gestalten können, um besser zu leben.

Einsatzbereite Smart City Lösungen von Magenta Business

Diese vernetzte digitale Zukunft griff Maria Zesch von Magenta Telekom auf; das Ziel sei, Städte und Gemeinden dafür fit zu machen: „Unser Angebot orientiert sich an den Bedürfnissen: Kleinere Gemeinden wollen Ökosysteme mit fertig entwickelten Applikationen, die sie wie ein Baukastensystem nutzen können. Größere Städte suchen individuelle Lösungen und bekommen Tools für frei entwickelbare Applikationen.“ Zesch stellte beispielhaft einige Smart City Anwendungen vor:

  • Raumluftgütemessung: gerade in der Pandemie wichtig für Schulerhalter und Firmen. Ein Kästchen, klein wie ein Lichtschalter, misst mittels Sensorik den CO2 Gehalt der Luft, übermittelt die Daten auf eine Plattform, von dort erfolgt bei Überschreiten von Messwerten der Alarm zum Lüften. Im Einsatz bereits bei der Musikmittelschule in Tulln.
  • Gesunde Umwelt: Die EU-Staaten haben sich zur Reduktion von Feinstaub verpflichtet. Auch hier misst und alarmiert eine Plug and Play Lösung den aktuellen Wert in der Luft.
  • Straßenzustand: Ob Glätte, Fahrbahntemperatur, Wassermenge oder Frost – Sensoren messen und lösen Maßnahmen aus, um die Sicherheit der Bürger zu gewährleisten.
  • Energieeffizienz von Anlagen: Ziel ist, CO2 Emissionen zu verringern, indem Anlagen energieeffizienter arbeiten; geeignet etwa für Pump-, Klär- oder Solaranlagen und Schwimmbänder.

Da die Finanzierung der Projekte für Gemeinden ein großes Thema ist, verwies Zesch auf die Kooperation von Magenta Business mit der BDO Unternehmensberatung für eine individuelle Förderberatung.

Digitaler Vorreiter Villach

„Es gibt viele Herausforderungen, wie die Klimakrise, Corona oder der Ausgleich zwischen Ökologie und Ökonomie. Darauf sollten wir als Städte nicht nur reagieren, sondern agieren. Die Digitalisierung hat dabei einen großen Beitrag, sie ist Herausforderung und kann uns gleichzeitig helfen“, begann Günther Albel, Bürgermeister von Villach, seinen Best-Practice Vortrag. Digitalisierung sei kein Projekt, sondern ein Prozess, der nie aufhört. Ein riesiger gesellschaftlicher Wandel findet mit hoher Geschwindigkeit statt, wo man die Bürger nicht vergessen darf, sondern sie mitnehmen muss.

Die Stadt Villach setzt Digitalisierung an vielen Stellen ein, z.B. für die Inventarisierung mittels Sensoren: Die Daten werden direkt in die Vermögensbuchhaltung übertragen und das bringt eine große Zeitersparnis. Die Legionellen-Prophylaxe, wozu jede Gemeinde gesetzlich verpflichtet ist, erfordert einen hohen Verwaltungsaufwand – so hat man ein Programm dafür entwickelt, das nun sogar der TÜV Österreich übernehmen möchte.

Das papierlose Büro ist Albel ein persönliches Anliegen; um es seinen Mitarbeiter nicht „drüber zu stülpen“, habe er selbst zuerst die Prozesse getestet und nach einem halben Jahr gibt es imposante Ergebnisse: 60% Einsparung an Patronen für Drucker oder Kopierer, 80% Papiereinsparung. Mit Services in der Verwaltung soll das Leben für die Bürger leichter werden, das Prinzip dahinter erklärte Albel so: „Nicht der Bürger läuft von einer Stelle zur anderen, sondern der Akt.“

Ausprobieren und transparent arbeiten

Bürgermeister Albel machte Mut zum Ausprobieren: „Man soll Dinge probieren und dabei ist nicht jeder Schritt umsetzbar. So haben wir das digitale Parkmanagement getestet, aber mit dem Kamerasystem ist das nicht passend für uns. Dafür haben wir gesehen, dass es für unseren Fuhrpark geeignet ist.“ Aktuell läuft gerade ein Smart Waste Projekt: Sensoren in Abfalltonnen messen Füllstand und Hitzeentwicklung, so werden nur mehr jene Container angefahren und entleert, die voll sind; das hilft Kosten sparen.

Nachhaltigkeit, Digitalisierung und Transparenz sind die großen Ziele in Villach. Die Stadt ist als erste der Transparenz-Datenbank des Bundes beigetreten, um Förderungen offen zu legen. Ebenso werden mittels Open Source den Bürgern Informationen zur Verfügung gestellt. Das motiviert auch zu Beteiligung und so hat sich die „Augen Auf App“ (die in ihrer ersten Version für Meldungen per Foto gedient hat, wenn etwas kaputt war) in der dritten Stufe zu einer Bürgerbeteiligungs-App entwickelt.

„Das wichtigste ist, niemand auf der Reise in die Digitalisierung alleine zu lassen, von Bürgern, Mitarbeitern bis zu Unternehmen“, appellierte Albel und für die Zeit nach Corona steht auch schon ein wichtiges Projekt in den Startlöchern: Da möchte man mit digitalen Cafés für Seniorinnen und Senioren direkt zur Bevölkerung gehen.

Fazit: Die Bürger auf dem digitalen Weg mitnehmen

Die abschließende Frage- und Antwort-Session zeigte nochmals die wichtigsten Punkte auf dem Weg zur Smart City. Auf die Frage, wie eine Stadt zu Visionen kommt, betonte Reiter die Teilhabe und digitale Fitness der Bürger. Wie man Zweifler überzeugt, erklärte Weninger mit der gesellschaftlichen Entwicklung: die Jungen leben sowieso digital, die Älteren müsse man mitnehmen und da seien Partizipation und Zusammenleben im Grätzel wichtige Faktoren. Bürgermeister Albel warnte, dass es kein typisches Einstiegsprojekt für die Smart City gibt, sondern jede Gemeinde ihren Fokus erkennen muss.

Welche Personen man braucht, um ein Digitalisierungsprojekt umzusetzen, zählte Sallmann auf: politische Entscheidungsträger, Kompetenz im Haus (ideal ist die Einrichtung einer Stabstelle auf Führungsebene) und gute technische Partner. Einer dieser Partner ist Magenta und Zesch lud auf die Frage nach Raumluftgütemessung ein, sich bei diesem aktuellen Thema oder anderen Anforderungen an Magenta Business zu wenden.

Smart City Bürgerbeteiligung

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