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Um die digitale Kompetenz von Herrn und Frau Österreicher ist es nicht sehr gut bestellt. Studien zum Thema reihen die Alpenrepublik im Hinblick darauf bestenfalls im Mittelfeld.

Als Digital Champion Austria, eine ehrenamtliche Funktion, soll Meral Akin-Hecke Bewusstsein für die zentrale Bedeutung der digitalen Kompetenz schaffen. Im Interview verrät sie uns, warum Mitarbeiter auf Dropbox verzichten sollten, warum Online-Shoppen noch keine Digitale Kompetenz bedeutet und warum Spaß so eine große Rolle spielt.

Meral-Akin-Hecke©TonyGigov Mag. Meral Akin-Hecke wurde im Juni 2013 zum “Digital Champion Austria” ernannt – eine Initiative von der EU-Kommissarin für Digitale Agenda, Neelie Kroes. © Tony Gigov

Frage: Das Bundeskanzleramt hat Sie im Juni 2013 auf Ersuchen der damaligen EU-Kommissarin für die Digitale Agenda, Neelie Kroes, zum Digital Champion bestellt. Welche Aufgaben haben Sie in dieser Rolle?

Meral Akin-Hecke: Als Digital Champion Austria soll ich in Österreich Bewusstsein für die Wichtigkeit digitaler Medienkompetenz schaffen. Meine Rolle ist auch die Repräsentation in der Beratungsgruppe der EU-Kommission. Ich treffe mich mit den anderen Digital Champions zweimal im Jahr, und wir diskutieren gemeinsam mit Experten und Expertinnen ein bestimmtes Thema. Dort findet ein wertvoller Erfahrungsaustausch statt, die EU-Länder können so voneinander lernen.

Die Digital Champions kommen teilweise aus der Wirtschaft, der Wissenschaft oder haben ein Amt in der jeweiligen Regierung. In Österreich hat man sich entschlossen, jemanden aus der Zivilgesellschaft mit dieser Rolle zu betrauen. In Österreich ist der Digital Champion übrigens eine ehrenamtliche Funktion. Ich habe eine unabhängige Beraterfunktion ohne politisches Mandat. Der Digital Champion Austria ist das Bindeglied zwischen der Bevölkerung, der Regierung und der Europäischen Union.

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Frage: Was machen Sie konkret?

Meral Akin-Hecke: In Österreich muss sehr viel passieren, darum habe ich eine eigene Initiative gestartet, die David Röthler, ich und ein Netzwerk von Experten und Expertinnen tragen. Das ist die Initiative werdedigital.at und die konzentriert sich auf Maßnahmen, die leicht und kostengünstig umzusetzen sind. Wir haben etwa ein erstes Buch mit dem Titel „Das neue Arbeiten im Netz“ herausgebracht. Mehr als 60 Experten und Expertinnen haben 70 Beiträge zu diesem Thema verfasst, ohne dafür ein Honorar zu verlangen. Das war ein echtes Open Collaboration Projekt. Wir haben es beim diesjährigen E-Day der Wirtschaftskammer Österreich präsentiert, und dort auch ein Webinar über die Veränderung der Arbeitswelt abgehalten.

Frage: Wie lief dieses Webinar ab?

Meral Akin-Hecke: Ein Teil davon war eine ganz normale Podiumsdiskussion mit drei Sprechern und dem Publikum. Interessenten konnten via Videokonferenz die Veranstaltung verfolgen und Fragen stellen. David Röthler hat diese Gruppe vom Netz aus betreut. Die gesamte Veranstaltung, die etwa 90 Minuten dauerte, ist auch im Web abrufbar. Es ist ein großer Vorteil von Webinaren, dass man diese Inhalte dann gleich ins Netz stellen, und somit auch für die Zukunft abrufbar machen kann.

Allerdings sind Webinare auch eine Herausforderung an die Organisation und die Moderation. Von 23. bis 27. März veranstalteten wir im Rahmen der „European Get Online Week" an fünf Tagen hintereinander Webinare zu verschiedenen Themen aus dem Buch. Das Buch ist als Einstieg gedacht, und in den Webinaren können Interessierte ihr Wissen vertiefen. Bücher und Webinare, wie beispielsweise zum Thema „Arbeit und Digitalisierung“ wird es in Zukunft auch zu anderen Themen geben.

Frage: Sie haben zuvor gemeint, dass in Österreich viel passieren muss, was die digitale Kompetenz betrifft. Hinkt Österreich hinter andern EU-Ländern hinterher?

Meral Akin-Hecke: Also Österreich ist beim Thema digitale Kompetenz wirklich kein Vorreiter. Bei wichtigen Studien befindet sich Österreich immer im Mittelfeld. Etwa beim Digital Economy and Society Index (DESI), den die EU-Kommission kürzlich für das Jahr 2015 präsentiert hat. Österreich befindet sich zwar hier noch knapp über dem EU-Schnitt. Allerdings passiert in den Ländern, die das Schlusslicht bilden, äußerst viel. Da herrscht einerseits viel Dynamik, andererseits wird hier auch viel gefördert. Wenn in Österreich nicht mehr passiert, dann fallen wir zurück. Wir dürfen uns keine Illusionen machen. Was die Digitale Medienkompetenz betrifft, steht Österreich wirklich nicht sehr gut da.

Frage: Welche Berührungspunkte haben Sie zur Wirtschaft?

Meral Akin-Hecke: Viele und unterschiedliche. Mit der Wirtschaftskammer bin ich gut vernetzt. Ebenso wie mit dem EPU-Forum und der UBIT. Ich bin aber auch mit vielen einzelnen Firmen in Kontakt. Wenn die eine Initiative starten, dann kontaktieren sie mich. Entweder wir arbeiten dann gemeinsam an Themen, oder ich komme zu den verschiedenen Aktionen und schreibe darüber. Meine Rolle ist es ja, Bewusstsein zu schaffen, Dinge miteinander zu verknüpfen und Menschen miteinander zu vernetzen.

Frage: Viele Firmen stehen vor dem Problem, dass Mitarbeiter digitale Tools von sich aus nützen, die allerdings die IT-Sicherheit ihres Arbeitgebers gefährden. Nehmen wir das Beispiel Dropbox …

Meral Akin-Hecke: Also Dropbox empfehlen wir nicht primär. Dieser und andere Cloud-Dienste sind zwar gratis. Dafür akzeptieren die User, dass ihr Nutzungsverhalten und auch der Inhalt ihrer Dokumente für Werbezwecke analysiert werden dürfen. Es gibt bessere Alternativen wie etwa ownCloud. Aber das Beispiel Dropbox zeigt eine Problematik recht deutlich: die Medien warnen zwar vor der Verwendung solcher Dienste, schüren teilweise sogar Ängste. Weil deren Nutzung aber so bequem ist, und viele keine Alternativen kennen, nutzen die Mitarbeiter diese Dienste dann aber doch.

Die Unternehmen müssen deshalb die digitale Kompetenz ihrer Mitarbeiter schulen, damit diese die digitalen Tools auch verantwortungsbewusst einsetzen können. Damit die digitalen Aktivitäten ihrer Mitarbeiter nicht die Sicherheit des Unternehmens gefährden. Das ist freilich nicht mit einer Schulung allein getan, das bedarf einer ständigen Begleitung.

Frage: Bei der Verwendung von digitalen Tools traut man den Jüngeren sehr viel zu. Denn Digital Natives sei die Nutzung von Computer, Smartphone und Web quasi in die Wiege gelegt. Die ältere Generation tue sich schwer, so die allgemeine Meinung. Ist digitale Kompetenz Ihrer Erfahrung nach eine Sache des Alters?

Meral Akin-Hecke: Nein, das hat mit dem Alter wenig zu tun. Viele Jüngere können sich ein Video auf YouTube ansehen oder Online Shoppen. Aber sind sie dadurch digital kompetent? Ich glaube nicht. Digitale Kompetenz bedeutet, etwas publizieren oder produzieren zu können. Zu wissen, wie die digitale Kompetenz funktioniert und daran zu partizipieren. Es geht um Kompetenzen, die in der digitalen Wirtschaft einsetzbar sind, und mit denen man den eigenen Markt- oder Berufswert steigern kann.

Frage: Was würden Sie jemanden raten, der digital kompetent werden will, aber noch am Anfang steht.

Meral Akin-Hecke: Es ist wichtig, ein Thema zu finden, das einem selbst Spaß macht. Das können Videos sein, das kann Design oder auch 3D-Druck sein. Erste Erfolgserlebnisse, wie etwa ein eigener Blogpost, eine selbst bearbeitete Infografik, ein selbst produziertes Video, erhöhen dann die Lust, sich weiter zu bilden. Niemand muss alles können. Mit dem Willen, der Neugier und dem Mut, auch dumme Fragen zu stellen. Denn dumme Fragen gibt es eigentlich nicht. Mit der Einstellung „das ist eh nur was für die Jugend, das ist nur eine Spielerei“ komme ich jedenfalls nicht weit. Denn Spielereien aus der Vergangenheit sind heute ganze Wirtschaftszweige. Nehmen Sie das Smartphone als Beispiel.

Frage: Was wünschen Sie sich für Ihre Rolle als Digital Champion Austria?

Meral Akin-Hecke: Vor allem eine politische Stimme, die sagt: „das muss jetzt passieren.“ Digital muss auf jeder Agenda ganz weit oben stehen. Digital ist keine Nische. Digital betrifft nicht nur die Telkos, die IKT-Unternehmen oder die Softwarebranche. Digital betrifft die gesamte Wirtschaft und nahezu alle Lebensbereiche. Die Österreicher müssen ihre digitale Kompetenz deshalb stärken, und es muss rasch passieren. Denn andere Länder holen sehr schnell auf. Ich will eigentlich, dass alle Österreicher und Österreicherinnen Digital Champions werden. Sie lesen zuerst unser Buch, besuchen unsere Webinare und sind dann alle Digital Champions. (Lacht).

ad Personam Meral Akin-Hecke

Mag. Meral Akin-Hecke wurde im Juni 2013 zum “Digital Champion Austria” ernannt – eine Initiative von der EU-Kommissarin für Digitale Agenda, Neelie Kroes. Ihre Aufgabe ist es, möglichst vielen Österreichern und Österreicherinnen den Weg ins Netz zu ebnen, und sie beim Umgang mit digitalen Medien zu unterstützen. Im Jahr 2007 gründete sie die Initiative Digitalks – das österreichische Netzwerk für digitale Medien. Seit Juni 2014 leitet sie die Wissensoffensive WerdeDigital.at, um Endanwender und Endanwenderinnen und Firmen über neue digitale Technologien, Social Media und mobiles Arbeiten aufzuklären und zu informieren. Im Executive Board der „Open Knowledge Foundation Austria“ unterstützt sie den „Open Knowledge“ Gedanken. Zuvor war die Wirtschaftsinformatikerin als Anwendungsberaterin und Projektleiterin bei SAP Österreich und den ORF tätig.

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