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21.07.2016     Marcel Henrich

Große Unternehmen haben viele Erfahrungen, Know-how, Ressourcen und den Marktzugang. Startups haben die disruptiven Ideen. Wie fruchtbar es sein kann, wenn die etablierten Unternehmen mit jungen Gründern zusammenarbeiten, war Thema beim Industry meets Makers Expert-Talk. Dieser Event zeigte aber auch: Die Zusammenarbeit zwischen alter und neuer Welt ist alles andere als leicht.

Wie groß das Interesse an neuen Kooperationsmodellen ist, an deren Ende im besten Falle erfolgreiche Innovationen stehen, beweist schon die Anzahl der Gäste, die zum Industry meets Makers Expert-Talk am 14. Juli zu TELE Haase in den 23. Wiener Gemeindebezirk gepilgert waren. Denn mit etwa 100 Besuchern hat Industry meets Makers Projektleiterin, Sandra Stromberger, noch vor einiger Zeit nicht gerechnet. Das Projekt „Industry meets Makers“ läuft ja bereits seit April 2016. Unter den 7 Unternehmen, die sich im Rahmen dieses Projektes auf neue Kooperationsmodelle einlassen wollen, ist auch T-Mobile Austria. Das Unternehmen bietet Startups seine IoT-Box als Ausgangspunkt für ein „Proof of concept“ ihrer Ideen. „Wir waren überrascht, wie viele junge Menschen sich mit unseren Ideen beschäftigen, und wir haben sehr schnell, sehr spannende Makers kennengelernt“, verriet Matthias Fiegl von T-Mobile beim Expert-Talk. Bei diesem sollten Experten, Branchenvertreter und Interessierte gemeinsam erörtern, wie gelungene Co-Creation-Prozesse zwischen Industrie und Maker- bzw. Startup-Szene aussehen könnten. 

Tiefe Einblicke in Co-Creation

Am aufschlussreichsten erwies sich dabei die Dreier-Conférence zwischen TELE Haase-„Regisseur“ Markus Stelzmann (TELE Haase wird von seinen Mitarbeitern selbst geführt), dem Mitbegründer von Freygeist, Stephan Hebenstreit, und dem per Videokonferenz zugeschalteten Werner Weihs-Sedivy, Gründer und CEO von Twingz. Zum Hintergrund der Drei: Das Wiener Startup Freygeist hat ein ultraleichtes E-Bike entworfen, dem man das „E“ so überhaupt nicht ansieht. TELE Haase entwickelte dazu die Steuerungseinheit. Twingz und TELE Haase arbeiten seit 2,5 Jahren zusammen und haben in enger Kooperation den eButler entwickelt. Dieses Gerät optimiert die Energieeffizienz von Haushalten. 

‚Mentale Hürden haben uns fast zerrissen‘

„Wir sind eine 53 Jahre alte Firma, die in das investiert, was sie gut kann“, erläuterte Stelzmann und ergänzte: „Wir können Produkte, die allen Normen entsprechen, gut selbst entwickeln und zur Reife bringen.“ Was neue Ideen und bahnbrechende Innovationen betrifft, wolle man aber von den Startups lernen. „Wir wollten zuerst ein Pflichten- und Lastenheft, und die kamen mit einem Sack voller Bauteile daher und wollten dass wir etwas Fertiges daraus machen“, erinnert sich Stelzmann. Pflichten- und Lastenhefte würden eben nicht zum Charakter eines Startups passen, warf Twingz-Gründer Weihs-Sedivy ein.

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Denn als Startup hätte man eben eine Idee,  versuche diese zu realisieren und taste sich dann mit der Trial-and-Error-Methode schnell weiter. An die anfangs großen Verständnisprobleme erinnerte sich auch Hebenstreit, und meinte „Bei uns gab es schon ein Lastenheft, allerdings nur ein mündliches“. Eines, das sich allerdings fast im Wochentakt veränderte, konstatierte Stelzmann und fuhr fort: „unsere Ingenieure hatten nach einer Zeit dann einfach keine Lust mehr, mit denen zusammenzuarbeiten.“

Gleichzeitig wäre aber das Bewusstsein bei TELE Haase da, dass auch alteingesessene Unternehmen diese hohe Geschwindigkeit der Startups brauchen. „Diese mentale Hürde hat uns aber stellenweise zerrissen“, betonte Stelzmann und beruhigte dann gleich wieder: „Aber wir sind ja noch alle da und arbeiten auch noch zusammen.“ 

Startups und Liefersicherheit

Von den beiden Startups wollte Stelzmann dann wissen, wo sie denn den Erfolg der Kooperation sehen. Weihs-Sedivy: „Besonders toll war für uns, dass wir hier bei TELE Haase mit der Fertigung im Haus den Schritt vom Prototypen zur Kleinserie gehen konnten.“ Twingz habe auch gelernt, ab welcher Kapazität man sich selbst als lieferfähig bezeichnen könne. „Die Kunden wollen eben Liefersicherheit und das ist nach der Startup-Phase der nächste Schritt“, so Weihs-Sedivy.

Die Lehren, die Freygeist bisher aus der Kooperation mit TELE Haase zog, fasste Hebenstreit so zusammen: „Sowohl auf fachlicher als auch auf menschlicher Ebene trifft man sich und lernt. Die Prozesse werden sauberer. Bei uns ist auf diese Weise ein Produkt rausgekommen, das funktioniert“. Und wie hat TELE Haase konkret profitiert? Stelzmann: „Wir haben von unseren Startups Flexibilität gelernt. Flexibilität, die wir in einer agiler werdenden Welt brauchen. Mittlerweile probieren wir auch einfach Dinge aus, und lernen so jeden Tag etwas Neues.“ 

Plastik-Konzern entdeckt Kreislaufwirtschaft

Die Greiner Gruppe mit Hauptsitz im oberösterreichischen Kremsmünster zählt zu den führenden Unternehmen in der Kunststoff- und Schaumstoffindustrie, und feiert im Jahr 2018 ihr 150-Jahr-Jubiläum. „Wir machen jedes Jahr das, was wir tun, ein wenig besser als davor“, beschrieb Hannes Möseneder, Geschäftsführer von Greiner Technology & Innovation, das Erfolgsrezept des 9.000 Mitarbeiter zählenden Konzerns. „Wir können aber nicht disruptiv innovativ sein“, betonte Möseneder.

Unter dem Motto ‚Plastics for life‘ wolle sich der Konzern nun völlig neuen Themen widmen, und sei bei der Suche nach selbigen auf Aquaponic gestoßen. Zur Erläuterung: Aquaponic ist eine Kulturtechnik, mit der sich innerhalb eines geschlossenen Kreislaufes Fisch und Gemüse produzieren lässt. 

Fisch- und Gemüsefarm mitten in Wien

Dank Industry meets Makers ist die Greiner Gruppe nun mit dem Startup Ponganic zusammengekommen, das über sehr viel Aquaponic-Know-how und praktische Erfahrungen verfügt, und bereits an einem aufsehenerregenden Projekt arbeitet. Im 10. Wiener Gemeindebezirk (Der Grüne Markt, gharakhanzadeh sandbichler architekten zt gmbh) soll im Jahr 2018 eine Aquaponic-Farm in einem Mehrzweck-Gebäude entstehen. Dort werden neben Wohnungen auch ein Co-Working-Space, ein Fab-Lab sowie eine Markthalle und Gastronomiebetriebe untergebracht sein.

Denn, so Gert Zechner, bei Ponganic für Tech und Economics zuständig: „Den dort produzierten Fisch und das Gemüse müssen wir natürlich auch vertreiben.“ Kürzere Wege hat man bei einem  landwirtschaftlichen Produkt wohl kaum schon einmal gesehen. Wie die Kooperation zwischen der Greiner Group und Ponganic genau aussieht, darüber verrieten weder Möseneder noch Zechner recht viel. Aber: „Vielleicht werden wir unsere 150-Jahr-Feier auch mit einer anderen Story verbinden können“, so Möseneder. Die Fisch und Gemüse produzierende Aquaponic-Farm mitten in Wien beeindruckte die Zuhörer allemal. 

Vortragsreigen über Co-Creation

Der erste Expert-Talk, der  mitten in den Produktionshallen von TELE Haase über die Bühne ging, beinhaltete noch eine Reihe vieler anderer, äußerst interessanter Kurzvorträge, die an dieser Stelle nur kurz angerissen werden können: 

Schneller zum Parkplatz mit M2M

Martin Buber, Business Developement Manager von Microtronics erläuterte, wie das erst 10 Jahre alte M2M-Spezialisten-Unternehmen gemeinsam mit dem Kubator Technology Startup Center Gründern bei der Umsetzung von zündenden Ideen hilft. Wie Microtronics konkret mit Startups zusammenarbeitet, verriet Buber dann gemeinsam mit Viktor Schaider, Mitbegründer von Payuca. Das Wiener Startup will mit seiner M2M-Lösung die Parkplatzprobleme in Wien lösen, indem er Parkplatzsuchende und Parkplatzbesitzer zusammen schaltet. 

Autark Wohnen mit dem Internet der Dinge

Theresa Steiniger von Wohnwagon bewies, dass sie ihrem Vorhaben, dem Klimawandel entgegenzuwirken, schon Taten folgen ließ. „Wir entwickeln Autarkie-Module, geschlossene Kreisläufe, Containerhäuser, Tiny Houses und Einfamilienhäuser.“  Bei diesen ressourcenschonenden Wohnformen kommen intelligente Steuerungen auf IoT-Basis zum Einsatz. 

Anstoß zur Co-Creation

Lisa-Marie Fassl vernetzt als Managing Director der aaia – Austrian Angel Investors Association, Business Angels und etablierte Unternehmen mit Startups. Sie skizzierte die Unterschiede zwischen deren Herangehensweise. 

Coding Contest und Startups

Der Vortrag von Mario Luef von Catalysts war zwar kurz, bot allerdings gleich mehrfach Interessantes: So verriet Luef, wie der Individualsoftwarehersteller mit Standorten in Linz, Hagenberg, Wien und Cluj (Rumänien) gemeinsam mit der europäischen Raumfahrtbehörde ESA die Auswirkungen von schädlichen Aerosolen in der Atmosphäre misst. Gleichzeitig ist Catalysts Softwarepartner von HTT, Hyperloop Transportation Technologies. Letzteres Unternehmen arbeitet an einer Art Rohrpost für Menschen, die damit bis zu 1.200 Km/h schnell reisen können.

Catalysts ist aber auch Veranstalter des jährlichen Coding Contests, der im Vorjahr um die 800 Programmierer ins Wiener Rathaus lockte. „Wir nehmen nur Mitarbeiter auf, die beim Coding Contest unter dem besten Viertel gelandet sind“, verriet Luef eines der Geheimnisse, warum sich die Unternehmensgröße von Catalysts jährlich verdoppelt und nun bei 180 Mitarbeitern hält. „Bei uns kann aber jeder mit einer guten Idee vorbeikommen - wir haben keinen reglementierten Prozess“, fasste Luef die Zusammenarbeit mit Startups zusammen. Derzeit arbeitet Catalysts immerhin mit zehn Gründern zusammen, mit denen man teils auch Joint Ventures eingeht. 

‚Internet of Cloth‘ für Kinder

Michaela Schicho, zweifache Mutter und Gründerin von Sticklett, verband M2M-Technologie mit Bekleidung und hat damit eine Lösung entwickelt, die Babys besser vor dem plötzlichen Kindstod (SIDS) schützt. Ein mit Sensoren ausgestatteter Marienkäfer misst Vitalfunktionen wie Temperatur, Atmung, Bewegung oder Herzfrequenz. Bei Auffälligkeiten schlägt das Sticklett via Smartphone Alarm. „Mit dem System kann man auch Kinderkrankheiten schneller erkennen, denn oft können sich die Kleinen nur schlecht ausdrücken, was ihnen fehlt“, ergänzte Schicho. Immerhin brauche das menschliche Immunsystem ganze zehn Jahre um „erwachsen“ zu werden. 

Modelle für Co-Creation

Lisa Pecnik von WhataVenture referierte über Modelle, wie sich Startups zum Erfolg führen lassen. „Corporates können gut skalieren, Startups sind innovativ. Deshalb ist es so spannend, wenn beide zusammenarbeiten“, so Pecnik. WhataVenture will die beiden Seiten bei der Zusammenarbeit unterstützen. 

Etablierte fordern zur Co-Creation heraus

Georg Sedlbauer stellte das neue Co-Creation-Lab-Programm der Wirtschaftsagentur Wien vor. Auch dies soll etablierte Unternehmen mit Startups zusammenbringen. Bis zum 19. August können große Betriebe noch Challenges für innovative Gründer einreichen. Experten wählen dann 3 bis 5 interessante Projekte aus, die dann im Jahr 2017 weiterentwickelt und auch realisiert werden sollen. 

Fazit: Co-Creation ist Knochenarbeit

Über die Zusammenarbeit zwischen etablierten Unternehmen einerseits und Makers und Startups andererseits wird ebensoviel geschrieben wie gesprochen. Wie schwierig, aber auch bereichernd Co-Creation tatsächlich ist, ist hingegen nur selten zu erfahren. Denn längst ist die Maker- sowie die Startup-Szene auch zu einem Marketing-Tool geworden, mit dem etablierte Unternehmen der Öffentlichkeit signalisieren wollen: „Wir sind so innovativ“.

Aber so eine Plattitüde lässt das Projekt „Industry meets Makers“ nicht zu. Hier geht es wirklich um gemeinsame, harte Arbeit, die nicht automatisch auch von Erfolg gekrönt ist. Österreich mag in der Welt vielleicht nicht als Land der mutigen Pioniere gelten, aber es gibt viele heimische Makers, Startups und Unternehmen jeglicher Größe, die sich für ein gemeinsames Anstrengen auf unbekanntem Terrain leidenschaftlich engagieren. Der erste Industry meets Makers Expert-Talk am 14. Juli 2016 hat das eindrucksvoll bewiesen.

 

Flyer IoT Box T-Mobile

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